Operation am offenen Herzen

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Operation am offenen Herzen

Für viele gewachsene kleine und mittlere Brauereien ist es eine große Herausforderung, während des laufenden Betriebes komplexe Umbaumaßnahmen durchzuführen, ohne die Leistungsfähigkeit des Unternehmens zu gefährden. Schon oft haben Brauer die auf sie zukommenden Maßnahmen unterschätzt, und das ursprünglich aufgebaute Planungskonstrukt zerfiel im Nu. Projekte endeten nicht selten in einer Kostenexplosion. Dass dies auch anders möglich ist, zeigt das Beispiel der österreichischen Privatbrauerei Zwettl.

Panorama: Am Ende des Projektes steht nun ein Ensemble aus funktionaler Form und traditionellen Brauereibauwerken    Foto: Felipe Kolm

Schon früh in der Projektplanung entschied man sich hier für die Zusammenarbeit mit externen Beratern und holte sich mit der corosys Prozesstechnik & Sensoren GmbH, Hofheim am Taunus, und mit M&L Consulting, St. Gallen/Schweiz, langjährige Partner für die Brauereiprozesstechnik mit ins Boot. Die Modernisierung der technischen Anlagen sowie der Filterlinie und der gesamten Prozessleitsoftware lag in den Händen der beauftragten Partnerfirmen.
Die Privatbrauerei Zwettl Karl Schwarz GmbH, Zwettl/Österreich, besteht seit 1708. In nunmehr fünfter Generation leitet die Brauerfamilie Karl Schwarz seit 125 Jahren die Geschicke des Unternehmens. Seit der Übernahme der Brauerei durch Georg Schwarz 1890 orientierte man sich in Zwettl stets an den Anforderungen der Zeit und elektrifizierte beispielsweise die Brauerei bereits 1897. Zwei Jahrzehnte später, genau 1918, folgte die Installation der ersten Kältemaschine. Nach den harten Jahren des Wiederaufbaus hielt 1960 die vollautomatisierte Abfüllung Einzug in die Brauerei. Seither kamen weitere energieoptimierende Modernisierungen, vor allem auch in den 80er­ und 90er­Jahren des letzten Jahrhunderts, hinzu. Um weiterhin für die Zukunft gerüstet zu sein, entschied sich die Unternehmensführung vor wenigen Jah­ren zu einem tiefgreifenden Um-­ bzw. Neubau maßgeblicher Anlagen. Die Planungen dafür begannen in etwa zeitgleich mit den Feierlichkeiten des 300­jährigen Jubiläums der Familienbrauerei. Getreu ihres Leitbildes „Auf Kultur gebaut. Für die Zukunft gebraut“ legten die Waldviertler Brauer 2011 mit genauen Projekt-­ und Detailplanungen den Grundstein für die operative Umsetzung dieses in der Firmengeschichte bis dato umfangreichsten Konzeptes.

Auch ein neuer Kerzenfilter war Teil des Gesamtprojekts bei der Privatbrauerei Zwettl

Zielsetzung

Die Basis für die Modernisierung der betroffenen Anlagen lag vorerst in der Neuplanung und Errichtung der passenden Infrastruktur. Unter anderem war die Adaption der Dampfkesselanlage notwendig geworden, die aus zwei Schnelldampferzeugern mit je 1800 kg/h Leistung bestand. Diese entsprachen nicht mehr der zeitgemäßen und nachhaltigen Dampferzeugung in modernen Produktionsbetrieben und mussten daher durch eine leistungsfähige Kesselanlage ersetzt werden. Gleichzeitig wurde die elektrische Energieversorgung der Brauerei aktualisiert und eine neue Trafostation installiert. Über die Infrastruktur hinaus standen zahlreiche Investitionen in Produktionsmaschinen, wie etwa die KEG-­Anlage, die vergrößert werden sollte und zusätzliche Gebäudekapazität verlangte, an. Dringender Renovierungsbedarf bestand auch bei den Filteranlangen sowie im Drucktankkeller – nicht zuletzt aufgrund der Schäden infolge des Jahrhunderthochwassers 2002. In Zwettl entschied man sich außerdem, den bestehenden Kieselgur-­Kerzenfilter plus Schichtenfilter durch einen neuen Kerzenfilter mit Kieselguranschwemmung zu ersetzen, welcher von M&L consulting errichtet wurde. Ein wesentlicher Teil des Neukonzeptes war weiterhin die Integration einer „Saftküche“ für die Produktion von Limonaden und neuen Biermischgetränken. Die notwendigen Dosieranlagen und die neue KZE-­Anlage stammen von corosys. Das Gesamtprojekt wurde unter Berücksichtigung dieser notwendigen und zukunftsträchtigen Investitionen zwischenzeitlich auf 8,5 Mio EUR veranschlagt. Die letzte Projekterweiterung mit einem neuen Betriebslabor sowie Sozial­- und Besprechungsräumen erbrachte dann ein Gesamtvolumen von 9,3 Mio EUR.

Über neun Millionen EUR wurden in die Modernisierung der Brauereianlagen, aber auch von Labor, Betriebs- und Sozialräumen investiert

Die besondere technische und auch technologische Herausforderung war zweifelsohne der Umbau während des laufenden Betriebes. Das Gesamtprojekt erforderte eine grundlegende und minutiöse Planung. Für das Brauereimanagement stand schon zu Beginn der Planungen fest, sich Unterstützung von Joachim Ledwig, Ingenieurbüro Ledwig, Donaueschingen, und dem Planungsbüro Ecoplan Bauplanungen GmbH, Wien, zu holen. Im Zuge der Vorbereitungen wurde schnell klar, dass bereits geplante Abschnitte nicht ohne vorhergehende Umbauarbeiten realisiert werden konnten. Somit entstand als Ergebnis der Planungsarbeit ein sechsstufiger Masterplan, der neben den Um-­ und Neubaumaßnahmen der Gebäudestruktur auch die notwendigen Umschlüsse und Verlagerungen der Brauereianlagen umfasste. Im Detail stellten sich die Phasen wie folgt dar:
■ Phase I
März bis Mai 2012: Grundlegende Maßnahmen für den Aufbau der neuen KEG­-Anlage; dies umfasste u. a. den Um-­ und Aufbau
neuer Wassertanks. Zeitgleich begann die Realisierung der Energiezentrale mit dem Rohbau der Gebäude für Dampfkessel und Trafostation.
■ Phase II
Mai bis August 2012: Errichtung der neuen KEG-­Anlage sowie der Energiezentrale.
■ Phase III
Juni bis Oktober 2012: Errichtung des neuen Filtrationsgebäudes mit der anschließenden Installation der neuen Filteranlage durch M&L Consulting und der Dosierstationen. Zeitgleiche Installation einer entsprechenden CIP­-Station für den Drucktank­ und Filterbereich. Die Fertigstellung der Arbeiten an der KEG­Anlage und der technischen Gebäudeeinrichtung, etwa der Drucklufterzeugung, schlossen diese Phase ab.
■ Phase IV
September bis November 2012: Bau der Halle für einen neuen Drucktankbereich.
■ Phase V
Oktober 2012 bis Juni 2013: Ausbau des alten Drucktankkellerbereichs und Beginn des Aufbaus im neuen Bereich. Hier wurde zeitgleich die neue KZE­-Anlage installiert und in Betrieb genommen.
■ Phase VI
Juli bis August 2013: Innenausbau des Produktionsbereichs und Abschluss der restlichen Arbeiten für die technische Ausrüstung der Produktions­- und Lagerhallen.

Wenige Schnittstellen

Der rechtzeitigen und detaillierten Planung des Gesamtprojektes ist es zu verdanken, dass es rasch abgeschlossen werden konnte und die Produktion während der gesamten Umbauphase nahezu ungehindert weiterlief. Die Privatbrauerei Zwettl betonte hier insbesondere die reibungslose Zusammenarbeit aller beteiligten Lieferanten. Beispielsweise wurde während jeder Projektphase besonderes Augenmerk auf die Schaffung einer einheitlichen Struktur am Ende des Gesamtprojektes gelegt. Um den ungestörten Produktionsablauf ohne Qualitätsverluste zu gewährleisten, mussten natürlich auch provisorische Lösungen realisiert werden. So fand beispielsweise zunächst der alte Filter in den Projektphasen I bis III weiter Verwendung, während parallel dazu im neu gebauten Filterkeller die neue Linie in Betrieb genommen wurde. Erst danach erfolgte der Umschluss der zu­ und abführenden Leitungen an den neuen Filterkeller.
Gleichzeitigt befasste sich die corosys GmbH mit der Automation des neuen Drucktankkellers. Im Lieferumfang war hier neben der Messtechnik von ifm electronic GmbH, Essen, auch die Implementierung der neuesten Software auf ProLeit®­-Basis vorgesehen. Zunächst umfasste dies nur den Drucktank­ und Filterbereich, in der endgültigen Ausbaustufe 2012 wurden alle Gewerke der Brauerei Zwettl in einer Prozessleitsoftware von ProLeit dargestellt. Die Lieferung der Automationshardware sowie die Einbindung der Entgasungsanlage für die Produktion von entgastem Wasser und der KZE­-Anlage lagen in den Händen des Unternehmens aus Hofheim am Taunus.

 Tradition und Moderne

Die Modernisierung und der Umbau der Privatbrauerei Zwettl sind ein Beispiel gelungener Projektplanung und ­-umsetzung. Gezielte Planung und zeitgerechter Abschluss der einzelnen Projektphasen in Kombination mit der Gewährleistung der Produktionsfähigkeit der Brauerei sind zu einer erfolgreichen „Operation am offenen Herzen“ geworden. Der Privatbrauerei Zwettl ist mit ihren Partnern die Schaffung einer strukturierten, modernisierten und funktionalen Brauerei gelungen, ohne dabei den Charme des Alten gänzlich zu verlieren oder zu riskieren. Die alte, gewachsene Struktur der Brauerei wurde lediglich durch moderne Architektur aufgelockert und dem Ablauf des Brauprozesses angepasst. Am Ende des Projektes steht nun ein Ensemble aus funktionaler Form und traditionellen Brauereibauwerken, gepaart mit einer konkurrenzfähigen und modernen Produktionstechnik.

Armin Burkert
Projektleiter corosys Prozeßsysteme und Sensoren GmbH, Hofheim am Taunus

Stefan Meyering
Projektleiter corosys Prozeßsystemeund Sensoren GmbH, Hofheim am Taunus

Heinz Wasner
Braumeister, Privatbrauerei Zwettl Karl Schwarz GmbH, Zwettl/Österreich

Brauwelt 36/2015

2020-09-24T09:47:59+02:00
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